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Ein Blog, in dem wir uns mit Inhalten aus Gesundheit, Sport und Training beschäftigen möchten. Hierfür laden wir uns viele interessante Menschen aus Sport, Medizin und Wirtschaft ein.

Unser heutiger Gast ist Selina Koch. Sie ist Sportpsychologin und betreut unter anderem DFB Nachwuchsteams. Wir haben uns mit Ihr über den Einfluss der Psyche bei Verletzungen und der Reha unterhalten.

„Hallo Selina, heute geht es um den mentalen Einfluss bei einer Verletzung. Wir würden gerne ganz am Anfang beginnen. Kannst Du einmal beschreiben, was bei einem Sportler psychisch passiert, der sich verletzt. Welche Gedanken oder Ängste sind aus Deiner Erfahrung besonders präsent?“

„Eine Verletzung bedeutet für viele Athletinnen und Athleten zunächst einen massiven Bruch im gewohnten Alltag. Tagesstruktur, Routinen, Ziele und Selbstverständnis geraten ins Wanken. Besonders im Leistungssport, wo der Körper das zentrale „Werkzeug“ ist, wird der Kontrollverlust sehr deutlich spürbar.

Wichtig ist dabei: Der psychische Verlauf ist immer individuell und kontextabhängig. Ob jemand schon Erfahrung mit Verletzungen hat, wie lange die Ausfallzeit voraussichtlich dauert oder welche Körperregion betroffen ist – all das beeinflusst, wie stark die Belastung empfunden wird. Eine langwierige Knieverletzung beispielsweise löst andere Emotionen und Sorgen aus als eine kurzweiligere Muskelzerrung.

Häufig entstehen in dieser frühen Phase Gedanken wie „Was, wenn ich nie wieder auf mein altes Niveau komme?“ oder „Verliere ich jetzt meinen Platz im Team?“ – also Sorgen um Leistungsfähigkeit, Zugehörigkeit und Identität. Besonders bei ambitionierten Sportler*innen ist die Langzeit-Verletzung oft nicht nur ein körperlicher, sondern auch ein biografischer Einschnitt.“

„Viele Sportler merken einige Zeit nach der Verletzung oder Operation, dass ihre Muskulatur und ihre Fitness abbauen und machen sich große Sorgen. Jedoch kommt es auch schnell zu kleinen Fortschritten – wie z.B. ich kann wieder ohne Krücken gehen oder das erste Mal Laufen. Gibt es aus psychologischer Sicht auch so einen typischen Verlauf nach einer Verletzung bzw. Reha?“

„Grundsätzlich lassen sich Phasen eines emotionalen Anpassungsprozess erkennen, aber auch hier gilt: Jede Reha verläuft anders.

Zu Beginn steht häufig der Schock oder die Enttäuschung im Vordergrund – Athlet*innen müssen erst begreifen, was passiert ist. Danach folgen oft Frust, Ungeduld oder Selbstzweifel. Mit den ersten kleinen Fortschritten ändert sich die Perspektive: Das Vertrauen in den Körper wächst wieder, und man beginnt, nach vorne zu schauen.

Diese kleinen Erfolgsmomente – „das erste Mal wieder schmerzfrei auftreten“ oder „wieder Stabilität spüren“ – sind psychologisch enorm wichtig. Sie signalisieren: Ich bin auf dem Weg zurück. Aus psychologischer Sicht geht es also darum, diesen Prozess bewusst zu begleiten – mit Geduld, realistischen Erwartungen und mentaler Stabilität, gerade wenn der Weg länger dauert als erhofft.“

„Gibt es Unterschiede zwischen Deiner Arbeit mit einem verletzten Sportler oder einem gesunden Sportler, der seine Performance verbessern will?“

„Während bei gesunden Athleten der Schwerpunkt meist auf Leistungsoptimierung liegt – also auf Themen wie Wettkampfvorbereitung oder den Umgang mit Fehlern und Niederlagen – verschiebt sich in der Reha der mentale Fokus.
Verletzte Sportler sind in dieser Phase weniger mit sportartspezifischen Anforderungen konfrontiert, sondern vielmehr mit übergeordneten psychologischen Themen: Geduld, Akzeptanz, Vertrauen in den Körper und den Umgang mit Kontrollverlust.

Der Fokus liegt hier oft auf mentaler Stabilisierung und emotionaler Regulation – also darauf, Motivation und Zuversicht aufrechtzuerhalten, auch wenn Fortschritte klein und Rückschläge normal sind.
Interessanterweise begegnen mir diese Themen auch bei gesunden Sportlern immer wieder – nur in einem anderen Kontext. Auch im Trainingsalltag oder in Phasen hoher Belastung geht es letztlich darum, mit Druck, Rückschlägen und Ungewissheit umzugehen.
Eine Reha macht diese Prozesse nur sichtbarer und zwingt Athletinnen und Athleten, sich intensiver damit auseinanderzusetzen. Wer hier mental wächst, profitiert davon auch langfristig in seiner sportlichen Entwicklung.“

„Wie würdest Du Dir die interdisziplinäre Zusammenarbeit nach einer Verletzung wünschen? Wo gibt es Deiner Meinung nach die größten Potenziale, um die Versorgung nach einer Verletzung noch besser zu gestalten?“

„Rehabilitation ist Teamarbeit – Körper und Kopf gehören zusammen 

Eine erfolgreiche Rehabilitation entsteht immer im Zusammenspiel verschiedener Fachbereiche. Ärzt*innen, Physiotherapeut*innen, Athletiktrainer*innen und Sportpsycholog*innen sollten eng kommunizieren – idealerweise mit einem gemeinsamen Verständnis von Zielen, Belastung und Fortschritt.

Oft wird der mentale Aspekt aber noch zu spät eingebunden. Gerade in der Anfangsphase, wenn Ängste und Unsicherheiten am größten sind, kann sportpsychologische Begleitung helfen, Stabilität zu schaffen.

Ein weiteres Potenzial liegt im Übergang von der Reha zurück ins Mannschaftstraining. Hier entscheidet sich, ob ein Sportler wirklich bereit ist – körperlich und mental. Ein klarer Austausch zwischen Reha-Team und Trainerstab kann diesen Übergang deutlich verbessern.“

„Welchen Tipp kannst Du einem Sportler geben, der sich gerade verletzt hat?“

„Zuerst: Nimm Dir Zeit, die Verletzung anzunehmen. Ärger, Enttäuschung oder Zweifel sind keine Schwäche, sondern normale Reaktionen. Ebenso zentral ist die Regeneration – nicht nur körperlich, sondern auch mental. Viele Athleten unterschätzen, wie sehr Ruhephasen zur Heilung beitragen. Wer lernt, Pausen als aktiven Teil des Comebacks zu sehen – zur Erholung, Reflexion und Neuausrichtung – stärkt nicht nur den Körper, sondern auch die mentale Widerstandskraft.

Nach dieser Phase der Annahme und Regeneration ist es wichtig, wieder in eine aktive Haltung zu kommen. Dabei hilft es, Akzeptanz statt Widerstand zu üben: Konzentriere dich auf das, was du tatsächlich beeinflussen kannst – Tag für Tag ein kleines Stück. Ebenso bedeutsam ist es, eine klare Tagesstruktur zu bewahren und kleine, erreichbare Ziele zu setzen. Jeder noch so kleine Fortschritt zählt und hilft, das Gefühl von Kontrolle und Selbstvertrauen zurückzugewinnen.

Auch die soziale Anbindung spielt eine große Rolle. Der Kontakt zum Team, zu Trainerinnen oder engen Bezugspersonen gibt Halt und Identität – besonders in Zeiten, in denen man sich körperlich eingeschränkt oder isoliert fühlt. Und schließlich: Nach Hilfe zu fragen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern Ausdruck von Verantwortung. Ob medizinische, physiotherapeutische, psychologische oder psychotherapeutische Unterstützung – niemand muss diesen Prozess allein bewältigen.

Eine Verletzung ist nie nur ein körperlicher Einschnitt, sondern auch eine mentale Herausforderung. Aber sie kann – richtig begleitet – zu einem echten Entwicklungsschritt werden.“

„Vielen lieben Dank für das spannende Gespräch!“

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