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Ein Blog, in dem wir uns mit Inhalten aus Gesundheit, Sport und Training beschäftigen möchten. Hierfür laden wir uns viele interessante Menschen aus Sport, Medizin und Wirtschaft ein.
Unser heutiger Gast ist Mieke Düvel. Sie war Profihandballerin und musste ihre Karriere mit Mitte Zwanzig aufgrund einer Verletzung beenden. Wir haben mit ihr gesprochen, wie Sie damit umgegangen ist und was ihr in dieser Zeit geholfen hat.
„Hallo Mieke! Du musstest Deinen Beruf als professionelle Handballspielerin aufgrund einer Verletzung aufgeben. Kannst Du uns erzählen, wie genau es bei Dir ablief?„
„Ja, das kann ich. Ich hatte insgesamt zwei Verletzungen am Fuß, beide habe ich mir beim Training zugezogen. Anfangs klangen sie gar nicht so schlimm. Bei der ersten Verletzung ging man von einem einfachen Bänderriss aus. Ich habe damals nur zwei Tage pausiert und stand dann schon wieder auf dem Spielfeld. Aber die Schmerzen wurden über Wochen und Monate einfach nicht besser.
Nach unzähligen Arztbesuchen, MRTs und Diagnosen bin ich schließlich bei einem Operateur in München gelandet. Dort stellte sich bei einem weiteren MRT heraus, dass sich neben dem Bänderriss auch ein sogenanntes Ostrigonum verschoben hatte, ein kleiner zusätzlicher Knochen, den ich vermutlich schon mein ganzes Leben lang hatte. Dieses Ostrigonum hatte eine chronische Entzündung ausgelöst.
Nach kurzer Beratung war klar: Es muss operiert werden. Nach einer langen Reha stand ich wieder auf dem Feld. Dann bin ich erneut umgeknickt. Wieder wurde zunächst nichts gefunden, man ging davon aus, dass lediglich Narbengewebe aufgerissen sei. Doch auch dieser Prozess wiederholte sich, und erneut landete ich in München. Diesmal stellte man fest, dass ich mir zusätzlich zum Narbengewebe eine Knochenverletzung zugezogen hatte. Es blieb uns wieder nur eine Option: eine zweite Operation.
Leider kam ich aus dieser nächsten langen Reha nicht mehr zurück. Nach 78 Wochen Krankschreibung stand ich vor der Entscheidung: Entweder zurück aufs Feld oder die Einstufung als Sportinvalidin. Der Weg zurück war für mich leider keine Option mehr.“
„Du hast seit Deiner Kindheit diesen Sport ausgeübt und hast es bis in die erste Bundesliga geschafft. Wie hast Du die Entscheidung getroffen, dass es nicht mehr weitergeht?„
„Ganz ehrlich: Diese Entscheidung habe nicht ich getroffen, die hat mein Körper für mich übernommen. Und das ist auch okay so. Meine Füße haben mich über viele Jahre getragen, sie haben mir die schönsten Erlebnisse meines Lebens ermöglicht. Am Ende hatten sie einfach keine Kraft mehr. Das muss man akzeptieren.“
„Was war in dem Prozess das Schwierigste für Dich und wie hast Du es geschafft, damit umzugehen?„
„Wenn man sein Leben auf den Sport ausrichtet, dann profiliert man sich darüber. Man identifiziert sich damit. Ich hatte lange das Gefühl, nur „jemand“ zu sein oder glücklich sein zu können, wenn ich den Sport ausübe. Ich hatte große Angst davor, in ein tiefes Loch zu fallen, nie wieder glücklich zu werden oder im schlimmsten Fall nie wieder die Halle betreten zu können, in der so viele tolle Menschen stehen, die ich über all die Jahre kennengelernt habe.
Zum Glück hatte ich parallel schon ein Psychologiestudium begonnen, da man in Deutschland vom Handball allein oft nicht leben kann. Außerdem habe ich bereits vor dem Studium eine Ausbildung zur PTA abgeschlossen. Mein Vater bot mir in dem Telefonat, in dem ich ihm von meiner Sportinvalidität erzählt habe, sofort einen Job in seiner Apotheke an, neben dem Studium.
Was mir also geholfen hat? Ganz einfach: Ablenkung. Ich habe mich auf meine Arbeit, mein Studium, meine Familie und meine Freunde konzentriert. Und es hat funktioniert.
Es kam kein Loch. Keine Trauer. Kein Rückzug aus der Halle. Ich habe mein Leben weitergelebt, nur eben anders, aber nicht schlechter.“
„Der professionelle Sport hat den Großteil Deines Lebens bestimmt. Was machst Du jetzt nach Deiner Karriere?„
„Ich habe im letzten Jahr meinen Master in Psychologie abgeschlossen und arbeite seither in der Personalentwicklung. Ein ganz neues Feld, aber eines, das mich sehr erfüllt. Neben der Arbeit habe ich auch sportlich neue Wege eingeschlagen – ich habe Tennis und Padel für mich entdeckt.
Natürlich ersetzt das nicht den Leistungssport, aber es bringt mir unheimlich viel Freude. Zehn Trainingseinheiten pro Woche plus Spieltag – das war früher Alltag, heute reicht mir ein bis zweimal Tennis die Woche völlig aus. Ich bin in meinem Heimatdorf einer Mannschaft beigetreten, mit der wir im Sommer regelmäßig Punktspiele bestreiten.
Außerdem genieße ich die neu gewonnene Freiheit. Einfach mal einen Abend auf dem Sofa verbringen oder spontan etwas mit Freunden unternehmen – das ist für mich heute genauso wertvoll wie früher ein Sieg auf dem Spielfeld. Mein Leben hat sich verändert, aber es fühlt sich richtig an.“
„Welchen Tipp würdest Du Sportlerinnen und Sportlern geben, die sich in einer ähnlichen Situation befinden?„
„Ich glaube, den einen richtigen Tipp gibt es nicht. Jeder Mensch geht anders mit so einer Situation um, und das ist auch gut so. Was für den einen funktioniert, kann für den anderen genau das Falsche sein.
Was ich aber mitgeben kann: Das Leben geht weiter. Auch wenn es sich im ersten Moment vielleicht so anfühlt, als würde alles wegbrechen, es öffnen sich neue Türen. Es entsteht Raum für neue Erinnerungen, neue Erfahrungen, neue Wege.
Plötzlich ist Zeit da, für Reisen, wann und wohin man möchte. Für Geburtstagsfeiern von Freunden und Familie, die man vorher wegen Trainings oder Spielen immer absagen musste. Für Hobbys, die man nie ausprobieren konnte. Und für Momente, in denen man einfach mal nichts „leisten“ muss.
Der Sport prägt einen, keine Frage. Aber das Leben nach dem Sport kann genauso erfüllend sein. Man muss nur bereit sein, es anzunehmen.“