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Unser heutiger Gast ist Prof. Dr. Hinterwimmer, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie. Mit ihm sprechen wir über Hamstringverletzungen – eine der häufigsten und gefürchtetsten Verletzungen im Fußball.

„Servus Stefan, kannst Du uns einmal grundlegend erklären, welche Arten von Hamstringverletzungen es gibt?“

„Die Hamstrings sind die Muskelgruppe auf der Rückseite des Oberschenkels – und sie gehören zu den am häufigsten verletzten Strukturen im Profifußball. Laut einer UEFA-Studie von Jan Ekstrand et al. aus dem Jahr 2011 betreffen mehr als die Hälfte aller Muskelverletzungen den Oberschenkel, davon wiederum etwa zwei Drittel die Hamstrings. Pro Saison muss ein Team mit 25 Spielern mit ungefähr 10 bis 15 Muskelverletzungen rechnen.

Aus chirurgischer Sicht stehen vor allem die schweren Fälle im Fokus, das bedeutet vollständige Muskel- oder Sehnenrisse. Diese können direkt am Knochen abreißen, im Übergang zwischen Muskel und Sehne entstehen oder tief im Muskel selbst auftreten. Je nachdem, wo genau die Verletzung sitzt, erfordert das ein unterschiedliches Vorgehen in Diagnostik und Behandlung.“

„Als Therapieoptionen gibt es den konservativen und den operativen Weg. Was sind die Kriterien für eine operative Versorgung?“

„Die zentrale Frage ist die Retraktion, also wie weit sich die gerissene Sehne vom ursprünglichen Ansatz zurückgezogen hat. Bei mehr als 2 cm, bei Beteiligung mehrerer Sehnen oder bei einem deutlichen Kraftverlust empfehlen wir in der Regel eine Operation.

Ist die Verletzung weniger ausgeprägt, also nur eine Sehne betroffen, geringe Beschwerden, wenig Retraktion, kann abhängig vom Aktivitätniveau und Patientenwunsch auch konservativ behandelt werden. Wir punktieren dann das Hämatom und bringen unter Ultraschallkontrolle Wachstumsfaktoren direkt in den Defekt ein, um die Heilung zu unterstützen. Das kann gut funktionieren, braucht aber häufig länger und erreicht möglicherweise nicht dieselbe Belastbarkeit wie nach einer Operation.“

„Kannst Du uns einen kurzen Einblick geben, wie eine Operation abläuft und wie lange dabei die Ausfallzeit ist“

„Wir operieren bevorzugt innerhalb der ersten zwei Wochen nach dem Trauma. In diesem Zeitraum lässt sich die Sehne noch vergleichsweise unkompliziert zurückführen und fixieren. Mit zunehmendem Zeitabstand bildet sich Narbengewebe, das den Eingriff präparatorisch deutlich aufwendiger macht.

Der Zugang erfolgt über einen etwa 4 cm langen Schnitt in der Gesäßfalte. Darüber lassen sich die meisten Verletzungen gut erreichen, die Sehne wird reponiert und mit Ankern am Sitzbein befestigt. Bei sehr starker Retraktion wird zusätzlich ein Längsschnitt unterhalb notwendig, um die weit zurückgezogene Sehen zu lösen.

Die durchschnittliche Ausfallzeit liegt bei all diesen Verletzungen bei etwa vier Monaten bis zur Rückkehr in den Wettkampf.“

„Was ist für Dich das Entscheidende, um so eine Verletzung erfolgreich zu überstehen?“

„Der entscheidende Faktor bleibt die Rehabilitation. Die Operation schafft die strukturelle Grundlage – aber wie gut jemand zurückkommt, entscheidet sich in den Wochen danach.

Wir orientieren uns dabei an einem strukturierten Protokoll nach Kotkowski et al. (2024), das den Reha-Verlauf nach Hamstringverletzungen klar beschreibt. In der ersten Woche steht kontrollierte Teilbelastung im Vordergrund. Ab der zweiten Woche wird schrittweise auf Vollbelastung umgestellt, mit gezielter Kräftigung und vollem Bewegungsumfang. Ab Woche fünf kommen Lauf- und Koordinationstraining dazu, ergänzt durch erste sportartspezifische Übungen.

Wann jemand wirklich zurück ins Mannschaftstraining oder in den Wettkampf darf, entscheidet sich nicht am Kalender, sondern an objektiven Kriterien. Grundlage sind klinische Untersuchung, Sonografie und MRT, aber entscheidend sind objektive Funktionstests: Counter Movement Jump oder isokinetische Dynamometrie und die Einschätzung von Therapeuten und Trainern. Erst wenn diese Kriterien erfüllt sind, ist jemand wirklich bereit.“

„Welchen Tipp kannst Du Sportlern mit auf den Weg geben, die diese Verletzung erleiden?“

„Frühzeitig handeln und die Verletzung ernst nehmen. Die ersten zwei Wochen nach dem Trauma sind das entscheidende Zeitfenster, danach steigt der Aufwand durch zunehmende Vernarbung deutlich. Wer zu lange wartet, verschlechtert seine Ausgangssituation unnötig.

Und dann die Reha konsequent durchziehen. Die Rückkehr in den Sport sollte nicht vom Bauchgefühl abhängen, sondern von klar messbaren Kriterien. Wer das beherzigt, hat die besten Voraussetzungen für ein nachhaltiges Comeback auf dem ursprünglichen Leistungsniveau.“

Ekstrand, J., Hägglund, M. & Waldén, M. (2011). Epidemiology of Muscle Injuries in Professional Football (Soccer). The American Journal Of Sports Medicine39(6), 1226–1232. https://doi.org/10.1177/0363546510395879

Kotkowski, D., Oberhuber, D., Pingitore, E. & Kotkowski, P. (2024). Optimale Reize setzen – Reha nach Hamstring-Verletzungen. Physiopraxis22(04), 20–25. https://doi.org/10.1055/a-2247-1862

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